Die Haltung von Pro Wind Schaffhausen zur Aufhebung des AKW-Neubauverbots

Publiziert: August 2026

Das Schweizer Parlament hat das seit 2017 geltende Neubauverbot für Atomkraftwerke im Juni aufgehoben. Da das Referendum gegen diesen Beschluss ergriffen wurde, werden voraussichtlich die Stimmberechtigten darüber entscheiden können.

Wir verstehen uns als politisch neutrale Fachorganisation, die sich für die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien, insbesondere der Windenergie, sowie für einen haushälterischen Umgang mit Energie einsetzt. Das heisst: die Nutzung der Kernenergie wird gemäss unseren Statuten nicht a priori ausgeschlossen.

Doch wir sehen die Aufhebung des Neubauverbots von Atomkraftwerken aus folgenden Gründen kritisch.

Neue AKW frühestens 2050 bereit

Der Druck, die erneuerbare Stromversorgung weiter auszubauen, würde nachlassen, falls auch die Mehrheit der Stimmberechtigten die Aufhebung des Neubauverbots gutheisst. Den Ausbau der erneuerbaren Stromversorgung zu verzögern in der Hoffnung, neue Kernkraftwerke werden es schon richten, könnte jedoch zum Bumerang werden. Denn neue KKW werden frühestens 2050 in Betrieb gehen. Die Stromversorgung könnte aber bereits in wenigen Jahren in den Wintermonaten kritisch werden. Das vergangene Winterhalbjahr war jedenfalls ein Schuss vor den Bug. Der Landesverbrauch konnte nur zu 80 % aus Schweizer Produktionsanlagen gedeckt werden, der Rest musste importiert werden. Dies deshalb, weil das Kernkraftwerk Gösgen über viele Monate nicht am Netz war und die Wasserkraftwerke unterdurchschnittlich Strom produzierten. Auch das zeigt: Wir können nicht einfach zuwarten.

Winterstromlücke mit Wind decken

Deshalb braucht es jetzt einen Turbo zum Ausbau der erneuerbaren Stromversorgung vor allem im Winter – hier drängt sich die Windenergie auf. Denn Windenergieanlagen erzeugen im Winterhalbjahr 1,5- bis 2-mal so viel Strom wie im Sommerhalbjahr. Dies zeigen die Daten der in Betrieb stehenden Windenergieanlagen in der Schweiz.

Und selbst wenn die beiden grössten Kernkraftwerke in der Schweiz, nämlich Leibstadt und Gösgen, dereinst durch neue ersetzt werden sollten, bleibt das heutige Winterstromproblem bestehen, da diese lediglich Bandenergie erzeugen. Dazu kommt: Der Strombedarf wird bis 2050 um 25 bis 50 % steigen.

Sonne und Wind sind finanziell günstiger als AKW

Der Strom aus neuen Kernkraftwerken ist teurer als Strom aus Sonne und Wind. Die Schere wird sich bis 2050 weiter zuungunsten der Kernenergie öffnen. Photovoltaikanlagen und Windenergieanlagen werden dank Massenproduktion und positiver Lernkurve günstiger und leistungsfähiger. Kernkraftwerke können da nicht mithalten.

AKW vergrössern Auslandabhängigkeit

Grossprojekte, dazu zählen auch die kürzlich fertiggestellten oder sich im Bau befindlichen neuen Kernkraftwerke im Ausland, sind anfällig für massive Kostenüberschreitungen und jahrelange Verzögerungen. Es gibt weltweit nur eine begrenzte Anzahl von Konzernen, die in der Lage sind, Kernkraftwerke zu planen und zu realisieren. Ausserdem muss Uran – im Gegensatz zur gratis bei uns anfallenden Sonnen- und Windenergie – aus dem Ausland bezogen werden. Gerade in den letzten Monaten mussten wir die Auswirkungen der Auslandabhängigkeit bei der Energieversorgung schmerzlich erleben.

Wer soll das bezahlen?

Eine im Juni 2026 veröffentlichte Studie der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts (PSI) kommt zum Schluss, dass neue Atomkraftwerke in der Schweiz unter den heutigen Bedingungen finanziell nicht konkurrenzfähig sind. Rentabel könnten sie nur mit staatlicher Förderung, Risikoabsicherung und deutlich tieferen Baukosten werden. Damit neue AKW realisiert werden könnten, müsste die Kernenergie ähnlich wie Erneuerbare gefördert und Finanzierungsrisiken müssten abgesichert werden. Das finanzielle Restrisiko bei Unfällen verbleibt aber auch dann bei der Bevölkerung und der Wirtschaft.

Sonne, Wind, Speicher können Stromversorgung sichern

Die Studie zeigt zudem, dass die Schweiz ihr Netto-Null-Ziel mit heute und zukünftig verfügbaren Technologien erreichen kann, ohne dass dafür neue Kernkraftwerke notwendig sind. Das Schweizer Energiesystem würde dann auf Wasserkraft, Solarenergie, weiteren erneuerbaren Energien, Speichern und einer Verstärkung der Energieeffizienz basieren. Entscheidend ist laut den Fachleuten ausserdem ein funktionierender Stromhandel mit dem Ausland.

Wir werden in Europa im Jahr 2050 eine andere Stromversorgung haben als heute. Der Anteil von Sonne und Wind wird dominant sein, günstige Batteriespeicher und Digitalisierung ermöglichen eine effiziente Steuerung von Angebot und Nachfrage. Kernkraftwerke passen dann nicht mehr in diese moderne Landschaft. Für kurz- oder mittelfristige Spitzenabdeckungen im Winter machen Kernkraftwerke ökonomisch und auch betrieblich (das Wiederanfahren eines Kernkraftwerks kann mehrere Tage dauern) als Bandenergielieferant keinen Sinn.

Die Resilienz der Stromversorgung ist bei einer Strategie, die auf Atomkraftwerke setzt, ungünstig. Das Stromnetz muss den möglichen plötzlichen Ausfall eines neuen Atomkraftwerks (Leistung über 1000 MW) auffangen können. Der plötzliche Ausfall einzelner moderner Windenergieanlagen (Leistung 5 MW) wird hingegen das Stromnetz nicht an seine Grenzen bringen.

Überhastetes Vorgehen des Parlaments

Es ist sicher legitim, dass das Parlament gefällte Entscheide nach ein paar Jahren wieder neu beurteilt und allenfalls korrigiert. Doch die Art und Weise, wie der Atomentscheid zustande kam, ist nicht nachvollziehbar. Wir erinnern uns: Vor gerade einmal zwei Jahren, nämlich im Juni 2024, wurde das Stromversorgungsgesetz von den Stimmberechtigten mit einem Ja-Anteil von 69 % deutlich angenommen. Einige Verordnungsänderungen, welche auf diesem Gesetz basieren, wurden erst am 1. Januar 2026 in Kraft gesetzt. Der wichtige Beschleunigungserlass für erneuerbare Energien wurde im September 2025 verabschiedet. Das heisst: Die Wirkung der beschlossenen Massnahmen konnte in dieser kurzen Zeitspanne noch gar nicht überprüft werden, und schon werden Entscheide wieder infrage gestellt. Wie die Volksabstimmung zum AKW-Entscheid ausgehen wird, ist noch offen. Doch klar ist: Die Atomfrage bleibt umstritten und die Diskussion um neue AKW, die niemand finanzieren will, bremst die Energiewende.